Muss ich etwas erreichen?
- Katja
- 6. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt eine Angst, die mich schon lange begleitet.
Die Angst, eines Tages zurückzublicken und festzustellen: Ich habe nichts erreicht.
Zwanzig Jahre meines Lebens waren geprägt von "Krankheit" (Erlebtem). Von Stillstand. Von Überleben statt Gestalten. Während andere Karrieren aufgebaut, Familien gegründet, Häuser gekauft, Meilensteine gesammelt haben, habe ich versucht, durch den Tag zu kommen. Oft war das schon alles, was möglich war.
Heute kann ich nicht mehr so, wie ich es mir früher vorgestellt habe.
Nicht ohne Unterstützung. Nicht ohne jemanden, der mit mir geht, um es nicht zu einem Kampf werden zu lassen.
Ich habe keine Kinder.
Ich habe kein berufliches Vermächtnis.
Keine Titel, keine Erfolge, die man aufzählen könnte.
Wenn ich ehrlich bin, fühlt es sich manchmal an, als hätte ich nichts.
Und doch geschieht etwas Merkwürdiges, wenn ich meine Geschichte nicht mit den Massstäben der Welt betrachte, sondern mit meinem eigenen Herzen.
Dann sehe ich:
Ich bin ein wertvoller Mensch geblieben.
Oder vielleicht: geworden.
Ich bin weich geblieben in einer Welt, die hart macht.
Ich bin warm geblieben, obwohl Kälte oft näher lag.
Ich habe mir meine Fähigkeit bewahrt, zu fühlen – auch dort, wo Abstumpfen einfacher gewesen wäre.
Manchmal sagen Menschen zu mir, sie fänden genau das faszinierend.
Dass ich mit dieser Vergangenheit freundlich geblieben bin.
Liebevoll. Offen.
Und jedes Mal irritiert mich das ein wenig. Weil es sich für mich nie wie eine Leistung angefühlt hat.
Es war einfach… ich.
Doch wenn ich wirklich hinschaue - ohne Beschönigung, ohne Abkürzung - dann muss ich diesen Menschen recht geben.
Es ist nicht selbstverständlich, warm zu bleiben, wenn man lange verletzt war/wurde.
Es ist nicht selbstverständlich, offen zu bleiben, wenn man oft alleine war.
Es ist nicht selbstverständlich, gütig zu bleiben, wenn das eigene Leben so viel Enge kannte.
Vielleicht habe ich das übersehen, weil ich es nie gefeiert habe.
Weil ich zu beschäftigt war mit Aushalten, Durchhalten, Weitergehen.
Weil Überleben keinen Applaus kennt.
Ich weiss heute, wie wichtig es ist, bei sich zu sein.
Wie viel Mut es braucht, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, statt sie zu übergehen.
Wie heilsam es ist, sich selbst mit Güte zu begegnen.
Und ich weiss: Ich zeige das anderen.
Nicht laut. Nicht sichtbar. Nicht messbar.
Ich hinterlasse zarte Spuren. Wahrscheinlich sehr kleine.
Vielleicht nur in einzelnen Begegnungen, in stillen Momenten, in Worten, die jemand liest, wenn es ihm schlecht geht.
Ich kenne diese Spuren (meist) nicht.
Ich sehe sie nicht.
Ich weiss (meist) nicht, wen sie erreichen.
Und genau das macht sie so leise - und zugleich so echt.
Manchmal frage ich mich: Muss ich wirklich etwas erreichen?
Brauche ich ein Ergebnis, einen Beweis, eine Rechtfertigung für mein Dasein?
Oder ist das, was wirklich zählt, etwas anderes?
Vielleicht ist es genug, zufrieden zu sein.
Nicht im Sinne von „aufgeben“, sondern im Sinne von ankommen.
Bei sich. Im eigenen Tempo. Mit der eigenen Geschichte.
Vielleicht besteht ein erfülltes Leben nicht darin, etwas zu hinterlassen, das bleibt -
sondern darin, so zu leben, dass man sich selbst nicht verliert.
Wenn ich eines Tages zurückblicke, möchte ich nicht nur sehen, was ich getan habe.
Ich möchte fühlen können, wie ich gewesen bin.
Und wenn ich dann sagen kann:
Ich war ehrlich.
Ich war gütig.
Ich habe die Menschen gespürt.
Ich war da - für mich und für andere.
Dann war es vielleicht genug. Auch ohne grosses Vermächtnis. Auch ohne sichtbare Erfolge.
Vielleicht ist das grösste Erreichen manchmal einfach:
Mensch geblieben zu sein.




Kommentare