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Überleben, spüren, leben – eine leise Betrachtung

Wenn man sie erlebt, merkt man schnell:

Sie hört wirklich zu.

Nicht dieses oberflächliche Nicken.

Sondern dieses stille, aufmerksame Zuhören, bei dem der andere plötzlich merkt:

Ich werde gesehen.


Was man nicht sofort sieht:

Sie hat früh gelernt, Stimmungen zu lesen.

Gesichter.

Zwischentöne.

Unausgesprochene Spannungen.


Als Kind war das kein Talent.

Es war Überlebensstrategie.


Sie wusste oft nicht, wann Wärme kommt und wann Kälte.

Ob sie richtig ist oder zu viel.

Ob sie stolz machen kann oder enttäuscht.


Und irgendwann hat sich etwas in ihr entschieden:

Dann werde ich eben besonders achtsam.

Besonders brav.

Besonders stark.


Niemand sieht das kleine Mädchen mehr,

das eigentlich nur hören wollte:

Du bist gut. So wie du bist. Einfach so.


Als sehr junge Frau hat sie weitergekämpft.

Vielleicht um Liebe.

Vielleicht um Anerkennung.

Vielleicht einfach um das Gefühl, endlich anzukommen.


Sie hat Dinge ertragen, die sie niemandem erzählt –

aber die Spuren hinterlassen haben.

Worte, die man nicht mehr zurücknehmen kann.

Situationen, in denen sie sich allein fühlte.

Momente, in denen sie funktionieren musste, obwohl sie innerlich zitterte.


Und sie hat überlebt.

Mehr noch – sie ist geblieben.

Offen.

Freundlich.

Empathisch.


Das ist das Erstaunliche.


Manche Menschen werden hart, wenn sie verletzt werden.

Sie nicht.


Sie wurde wärmer.


Geduldiger mit anderen.

Verständnisvoller.

Nachsichtiger.


Nur nicht mit sich selbst.


Heute lebt sie mit einer Angst, die manchmal laut wird.

Eine Angst, die ihr Herz schneller schlagen lässt.

Die ihren Körper in Alarm versetzt, obwohl keine sichtbare Gefahr da ist.


Generalisierte Angststörung – sagen die Fachleute.


Aber wenn man sie betrachtet, sieht man etwas anderes:


Man sieht ein Nervensystem, das nie ganz zur Ruhe kommen durfte.

Ein Herz, das gelernt hat, wachsam zu sein.

Eine Seele, die immer ein Stück Verantwortung zu viel getragen hat.


Und trotzdem –

wenn jemand leidet, ist sie da.

Wenn jemand zweifelt, spricht sie Mut zu.

Wenn jemand fällt, reicht sie die Hand.


Sie selbst aber?

Sie steht oft daneben und denkt:

Warum bekomme ich das nicht hin?

Warum kann ich mir nicht vertrauen?

Warum habe ich Angst vor dem, was ich mir eigentlich wünsche?


Denn sie sehnt sich.

Nach Nähe.

Nach Wärme.

Nach Sicherheit.

Nach einem Ankommen, das sich nicht wieder als Illusion entpuppt.


Doch genau dort sitzt die grösste Angst:

Wenn ich mich wirklich einlasse,

wenn ich wirklich glaube,

wenn ich wirklich hoffe –

dann könnte es wieder weh tun.


Also hält sie einen Teil von sich zurück.

Nicht aus Kälte.

Aus Selbstschutz.


Wenn man sie von aussen betrachtet, sieht man keine Schwäche.


Man sieht eine Frau,

die mehr durchgestanden hat, als viele wissen.

Die Gefühle nicht verdrängt, sondern fühlt.

Die nicht zynisch geworden ist.

Die sich ihre Wärme nicht hat nehmen lassen.


Und vielleicht ist genau das ihre grösste Stärke:

Dass sie trotz allem nicht bitter geworden ist.


Sie steht sich nicht im Weg.

Sie schützt sich nur noch immer vor einem Schmerz,

den sie nie ganz verarbeitet hat.


Und wenn man sie so betrachtet,

mit Respekt statt mit Urteil,

dann entsteht nicht Mitleid.


Sondern Achtung.


Vor einem Menschen,

der so viel getragen hat –

und trotzdem offen geblieben ist.

 
 
 

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​Hinweis: Die Gespräche sind keine Therapie und ersetzen keine medizinische oder psychologische Behandlung.

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